Sprottau/Szprotawa

Sprottau/Szprotawa

Sprottau/Szprotawa

Vortrag auf der Jahrestagung der Kulturreferenten der Landsmannschaft Schlesien

Königswinter

am 22. März 2014

 

Zwei Vorbemerkungen.

Zuerst eine geographische Orientierung: Sprottau liegt am rechten Ufer des aus dem Riesengebirge im Südwesten heranfließenden Bober und am linken Ufer der Sprotte, die aus Sumpf und Heide im Nordosten kommend, in den Bober mündet. Benachbart sind Sagan und Sorau, Grünberg und Glogau.

Sodann: Sie sind Kulturreferenten der Schlesischen Landsmannschaft - ich bin kein Kulturhistoriker, nicht mal ein Kulturpolitiker. Und Sprottau war keine „Kulturstadt", deren Bedeutung über das Lokale hinausgegangen wäre. Ich kann nur versuchen, Ihnen meine Erinnerungen, Erfahrungen und Gedanken zu meiner Vaterstadt, dem deutschen Sprottau und dem polnische Szprotawa, mitzuteilen - und vielleicht auch mit Ihnen zu teilen.

 

Wie nähert man sich seiner Vaterstadt? Am besten mit einer Heimkehr. So beginne ich mein Buch „Kontinent der Hoffnungen", die Erinnerungen an mein Leben als  deutscher Europapolitiker:

Zitat aus Kontinent der Hoffnungen:

Um dem Bild von Sprottau zusätzliche Plastizität und Tiefenschärfe zu verleihen, will ich Ihnen aus einem Bericht über eine andere Heimkehr nach Sprottau vorlesen. Er wurde etwas mehr als 160 Jahre zuvor verfasst und stammt von Heinrich Laube. Heinrich Laube war Schriftsteller, Theaterintendant und Dramaturg in Wien. wurde als demokratisch und national gesinnter „Jungdeutscher", in der Metternich'schen Restauration verfolgt und mehrfach eingekerkert, und war 1848 für Leipzig Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung. Er beschreibt gegen Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts eine Heimkehr in seine Vaterstadt so:

Zitat aus den Kapiteln 10  und 11 im 4. Band der Reisenovellen

Nach den Eindrücken und Gefühlen nun zu den Fakten und Gedanken: Was war Sprottau?

1. Sprottau trat, noch ungenannt, im Jahr 1000 in die deutsch-polnische und damit in die europäische Geschichte ein: Otto III., Kaiser des damals noch nicht so genannten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, unternahm von Rom aus eine Wallfahrt nach Gnesen zum Grabe des Heiligen Adalbert. An einer  Furt durch den Bober auf dem Gebiet der späteren Stadt Sprottau wurde er vom polnischen Herzog Boleslaw (Chobry) empfangen und von dort zum Kloster Gnesen geleitet.

Der Merseburger Erzbischof Tietmar beschreibt das so: Von Rom über Regensburg und Zeitz „reiste der Kaiser geraden Wegs nach Meissen, wo er von dem hochwürdigsten Bischof Eged und dem Markgrafen Ekkihard ... mit allen Ehren eingeholt wurde. Als er darauf das Gebiet der Milcini (Oberlausitz) durchzogen hatte und an den Grenzen des Gaues Diadesisi erschien, eilte ihm der polnische Herzog Boleslaw mit vielen Freudenbezeugungen entgegen, indem er an dem Orte namens Ilva (Eulau, Ilawa) seine Bewirtung(!) angeordnet hatte. Wie herrlich der Herzog den Kaiser aufnahm, und wie er ihn durch sein(!) Land nach Gnesen hinführte, ist ganz unglaublich und unbeschreiblich."

Unser Sprottau also lag  vor tausend Jahren an einer Grenze (in einem Grenzgebiet). Aber nicht an einer Grenze zwischen Deutschland und Polen, schon gar nicht zwischen Deutschen und Polen, sondern zwischen Lausitzer Slawen und polnischen Slawen. Die einen gehörten zum Bistum Meißen, die anderen zum Bistum Gnesen.

2. Die Stadt ist slawische Gründung, wohl im Laufe des 12. Jahrhunderts. Seit dem Beginn des 13. Jahrhunderts wurde sie zunehmend von Franken und Thüringern bewohnt, die von den Glogauer Piasten-Herzögen ins Land gerufen worden waren. 1260 erhielt Sprottau die Stadtrechte. Das war sozusagen die „Deutschgründung"  Sprottaus. Der quadratische Grundriss der Innenstadt mit dem Rathaus und Ring in der Mitte zeugt noch heute davon. Von 1286 bis 1945 an ist kein polnischer Name unter den Bürgermeistern der Stadt.

3. Die weitere Geschichte? Nichts Herausragendes - nur die üblichen Übel:

Die Herrschaften verschiedener und zeitweise verfeindeter Piastenfamilien, die Oberhoheit ungarischer, polnischer (Jagellionen), böhmischer (Luxemburger), österreichischer (Habsburg) und preußischer (Hohenzollern) Herrscher.

Die verheerende Brände, die mehrmals die ganze Stadt in Schutt und Asche legten.

Die Pest, die zwei Drittel der Einwohner dahinraffte -  und keinen Unterschied machte zwischen deutschen und polnischen Namen.

Die Streitigkeiten mit den Stadt- oder Landesherren - und die Auswirkungen dieser Streitigkeiten auf Wohlstand und Elend in der Stadt.

Überhaupt scheinen die Sprottauer selbst untereinander und mit den umliegenden Dörfern sehr streitfreudig gewesen zu sein -allerdings immer mit einer gewissen Neigung zur resignativen Einigung am Ende.

Und natürlich litten sie unter den großen Kriegsheimsuchungen:

Die Wendenkriege Karls des Großen und Otto des Großen fanden vielweiter westlich statt.

Der - vergebliche - Versuch des Kaisers Heinrich II., die polnische Grenzprovinz nördlich Sprottau zu erobern, ließ den slawischen Siedlungsplatz (wohl nur Jäger und Fischer) anscheinend ungeschoren.  

Das Gleiche gilt auch für die Ostfeldzüge Heinrich V. und Friedrich Barbarossa.

Auch die Mongolen blieben den Früh-Sprottauern erspart. Sie kamen (1241)  nur bis Liegnitz.

Aber dann, In jedem Jahrhundert ein Krieg:

- Die Ungarn - oder besser die ungarische Krone - eroberte Sprottau (1488).

- Im dreißigjährigen Krieg eroberten und plünderten schwedische und kaiserliche Truppen und deren jeweilige Verbündete mehrfach die Stadt. Am Ende, 1648, lebte in Sprottau nur noch ein Drittel der ursprünglichen Einwohner.

-  Die schlesischen Kriege mit ihren - manchmal täglich wechselnden - Durchzügen und Einquartierungen  preußischer, österreichischer oder russischer  Truppen.

-  Die Franzosen Napoleons, der einen großen Teil seiner Armee vor dem Russlandfeldzug in der Sprottauer Gegend zusammenzog, und die Sprottau bis 1813 besetzt hielten.

Das waren alles keine deutsch-polnischen oder polnisch-deutschen Kriege. Es waren dynastische, religiöse, europäische Kriege, die als Heimsuchungen über Sprottau, Schlesien und Polen hinweg gingen. Erst das im 19. Jahrhundert entstehende Amalgam von Demokratie und Volkstum machte  aus Gebietsansprüchen der Herrscher völkische Konflikte.

4. Wovon haben sie gelebt, die Sprottauer am nördlichen Rand der niederschlesischen Heide - in jenem Teil Schlesiens, dessen Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaft und Kultur bis ins 14. Und 15. Jahrhundert hinein erheblich hinter dem mittleren und südlichen Schlesien zurück blieb? Natürlich von der Landwirtschaft, von einem über längere Zeit durchaus geschickten Zukauf von Ländereien der Umgebung,und von den riesigen Wäldern südlich Sprottaus, die über Jahrhunderte der besondere Reichtum der Stadt waren. Es profitierte auch ein wenig von der Lage am alten Handelsweg  Leipzig-Meißen-Posen-Gnesen. Vom 16. Jahrhundert wurde Sprottau zu einem bedeutenden Zentrum der Eisenproduktion aus den Raseneisenerz-Vorkommen nördlich der Stadt. Seit dem 17. Jahrhundert auch von den Exporten auch außerhalb Deutschlands.Schließlich siedelten sich Handwerk und Manufakturen (neben Eisenwaren auch Textil) an.

Man sieht: Da gab es bescheidenen, soliden Wohlstand, aber  ein kulturelles Zentrum war es  nicht - nicht einmal ein kleines. Als einzige  kulturelle Tat ist von der außerordentlich schnellen Übernahme der Reformation zu berichten. Und von dem zähen Festhalten am Protestantismus im und nach dem dreißigjährigen Krieg. In den schlesischen Kriegen führte er  die Sprottauer umstandslos auf die friderizianisch-preußische Seite.

Was ist Sprottau heute?

Es ist eine polnische Stadt im armen polnischen Westen und heißt Szprotawa. Und sie liegt in einer Region, die, wie vor einem halben Jahrtausend, wieder ein deutliches Stück hinter der Entwicklung des mittleren und südlichen Schlesiens zurück ist. Szprotawa liegt seitab.

Sprottau wurde 1945 durch Kampfhandlungen und einen großen Brand stark zerstört. Gewiss, da ist noch immer der quadratische Grundriss der deutsch gegründeten Stadt. (Ironischerweise ohne Zerstörung durch Erneuerung oder Modernisierung). Da ist das zweitürmige  Renaissance-Rathaus (einer der Türme ist schief): Es ist restauriert und noch immer das Wahrzeichen der Stadt. Da ist die katholische Kirche aus dem 14. bis 16.  Jahrhundert. Von der evangelischen Kirche ist nur noch die Ruine übrig. Da steht noch immer der markante Wasserturm aus dem Jahre 1867. Da sind noch einige schöne Bürgerhäuser vom Ende des vorvorigen Jahrhunderts zu sehen. Und - merkwürdig - mehrere moderne öffentliche Bauten aus den zwanziger und dreißiger Jahren des 20.  Jahrhunderts. Im übrigen Plattenbautristesse und eine Menge Baulücken.

Die fünfziger, sechziger und siebziger Jahre waren verlorene Jahre für Sprottaus  polnische Neubürger. Dafür gibt es drei Gründe:

-Die aufgedrückte volksfremde kommunistische Diktatur.

-Die sowjetrussische Garnison in der Stadt.

-Die  latente Furcht der Bewohner, Szprotawa sei nur vorübergehend polnisch.

Die nach dem Kriege wieder aufgenommene Eisenproduktion ist fast erloschen, ebenso die Kupferproduktion aus den erst 1957 entdeckten Lagerstätten westlich Glogaus. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 28 Prozent. Erkennbare Armut.

Und die Kultur? Die Umzüge zu Pfingsten ...

Aber auch das ist Szprotawa:

Deutschstämmige Bewohner gibt es nicht mehr. Aber unter den polnischen Bürgern hat sich ein zunehmendes ernsthaftes Bemühen um  die Geschichte der Stadt  - die deutsche Geschichte - gebildet. Einzelne haben die Initiative ergriffen und haben sie gegen Unverstand und Widerstand durchgehalten. Sie haben mit bescheidensten Mitteln zwei kleine Museen zusammengetragen - mit Objekten und Schriften aus der Polonisierung  Sprottaus  in der Nachkriegszeit, aber eben auch mit allen noch verbliebenen und erreichbaren Erinnerungstücken aus der deutschen Vergangenheit Szprotawas.

Szprotawa hat die Denkmäler zweier in Sprottau geborenen herausragenden Geistesgrößen neu errichtet: Für den von mir vorhin zitierten Heinrich Laube (1806-1884), der freilich den weitaus größten Teil seines Lebens in Halle und Leipzig und in Wien zugebracht hat. Und für  Heinrich Robert Goeppert (1800-1884), der ein bedeutender Naturwissenschaftler, Begründer der Paläobotanik und Gründer des Botanischen Gartens in Breslau war. Szprotawa hat mich zu ihrem Ehrenbürger gemacht. Und auch den in der unmittelbaren Nähe zu Sprottau geborenen Nobelpreisträger der Medizin Günter Blobel.

Jetzt ist Szprotawa dabei, den vor etlichen Jahren stillgelegten Wasserturm aus dem Jahre 1867, den ersten seiner Art in Schlesien und ein Industriedenkmal, zu restaurieren und zu einem Museum auszubauen mit einer deutschen, einer polnischen und einer europäischen Etage.Es kann und soll eine Stätte der Begegnung und der Erinnerung  werden, an der aus dem Trennenden der Geschichte, das Gemeinsame der Zukunft sichtbar wird.

Warum erwähne ich das?

-Weil die seit 1994 vertraglich festgelegte Endgültigkeit der deutsch-polnischen Grenze neues Denken hervorgebracht hat.

-Weil die Besinnung auf die deutsche Vergangenheit Szprotawas eine Abkehr von dem polnischen Selbstbetrug bedeutet, nach dem es sich mit Schlesien um die „Rückgewinnung" polnischer Gebiete handelt.

-Weil der Mut zur historischen Wahrheit die Grundlage für Verständigung und Versöhnung ist - auf beiden Seiten.

-Weil der ehemalige Bürgermeister von Szprotawa Franciszek Sitko es einmal so ausgedrückt hat: „Ihr wolltet hier nicht weg und wir wollten hier nicht her".

-Weil das  deutsche Erbe dieser Stadt und Schlesiens nicht mehr verleugnet, sondern angenommen und als ein gemeinsames europäisches Erbe weitergetragen wird.

-Weil unsere Geschichte nicht unsere Zukunft ist.