Flucht und Vertreibung in einem geeinten Europa

Gedenken an Flucht und Vertreibung in einem geeinten Europa

           

  Das Gedenken an Flucht und Vertreibung in einem geeinten Europa

Perspektiven eines westpreußischen Landesmuseums.

 

 Wie komme ich dazu,  hier im westpreußischen Landesmuseum zum Thema „Das Gedenken an Flucht und Vertreibung in einem geeinten Europa" zu sprechen? Nachdem Herr Professor Fischer mich durch die beeindruckende Sammlung des Museums geführt hat. Ganz einfach: Ich habe Flucht und Vertreibung erlebt und die Einigung Europas mitgestaltet.

Als sechsjähriger Junge bin ich in einer Februarnacht 1945 aus dem  schlesischen Sprottau  mit Mutter, Geschwistern und Großeltern nach Westen geflüchtet: Die Geräusche der nahenden Front im Ohr. Die Furcht vor „dem Iwan"  im Nacken. Vor einen Handwagen gespannt, in Güterwagen gepfercht, zogen wir quer durch das zusammenbrechende Reich, horchten in fremden Kellern voller Angst auf näherkommende  Bombeneinschläge und hatten nur ein Ziel vor Augen: Uns selbst und ein paar Habseligkeiten in eine Sicherheit zu bringen, von der wir nicht wussten, wann und wo sie zu finden sein würde.

Fünfzig Jahre danach besuchte ich als Präsident des Europäischen Parlaments meine  Geburtsstadt. Sie heißt nun Szprotawa und ist polnisch. Bei einem festlichen Abendessen erzählt mir die Gattin des Woiwoden, wie sie, fünfzig Jahre zuvor, in Schlesien ankam: Von den neuen Machthabern aus Litauen vertrieben, die Schrecken des Krieges und der deutschen Besatzung hinter sich und nur ein Ziel vor Augen: Sich selbst und ein paar Habseligkeiten in eine Sicherheit zu bringen, von der sie nicht wusste, ob sie hier in dem fremden Land zu finden sein würde.

Und dann der Bürgermeisters von Szprotawa, der, wie ich, der „Erlebnisgeneration" angehört, und der die ganze Verzweiflung, die ganze Angst, das ganze Leid in einem Satz zusammenfasst: „Ihr wolltet hier nicht weg und wir wollten hier nicht her." Einfacher, menschlicher und wahrhaftiger  kann man es nicht sagen - und großmütiger kann man nicht auf die ewig gleichen Abrechnungen oder Aufrechnungen von Schuld verzichten.

Das Europa seiner Kindheit und meiner Kindheit war in Bewegung. Wir alle waren nichts als winzige Partikel in den ungeheuren Strömen entwurzelter Menschen, die überall in ganz Europa hin und her getrieben wurden: Flüchtende, Deportierte, Evakuierte, Entwurzelte, Vertriebene, Heimkehrende, Suchende, zu Fuß und auf Krücken, auf  Planwagen hockend, um Plätze in vollgestopften Zügen oder auf überladenen Schiffen kämpfend - millionenfach.

Das war auch damals ein Europa der Freizügigkeit. Aber für Panzer und Bomber, statt für Lastwagen und Ferienflieger. Für Deportationen und Vertreibungen, statt für Interrail und ERASMUS(-Stipendien). Wo wir uns heute in dem Ärger und in der Kritik über Europas Unzulänglichkeiten geradezu wohlig baden, wateten die Europäer damals durch Blut und Hass, Verwüstung und Verzweiflung. Glauben Sie mir, wir sollten dieses  zur  Union vereinigte Europa der Verständigung, der Zusammenarbeit, der Versöhnung und des Friedens hüten und verteidigen - auch und gerade dann, wenn es etwas kostet.

Das  zwanzigste Jahrhundert war eines der Vertreibungen und Deportationen in ganz Europa: Es begann mit dem Völkermord an den Armeniern und der Vertreibung der anatolischen Griechen. Es sah das ganz und gar singuläre deutsche  Verbrechen der Vertreibung und Ermordung Millionen europäischer Juden,  den  mörderischen „Generalplan Ost" der Nazis, die in der Antihitlerkoalition vereinbarten oder geduldeten Vertreibungen der Deutschen aus Ost- und Mitteleuropa. Und es endete mit den nationalistisch-ethnischen Vertreibungen im zerfallenden Jugoslawien. 

60 bis 80 Millionen Europäer wurden im Verlauf des 20. Jahrhunderts vertrieben: Juden, Griechen, Polen, Russen, Deutsche, Finnen, Ungarn, Bosnier, Kosovaren und viele andere. Unterschiedliche  Gründe, unterschiedliche  Absichten, unterschiedliche Grausamkeiten. Die Furchen dieser Völkerverschiebungen und Morde sind im Antlitz des heutigen Europa tief eingegraben. Sie sind Narben, die von Zeit zu Zeit immer noch schmerzen - nicht nur uns.

Die Völker Europas haben eine gemeinsame Geschichte, aber sie haben keine gemeinsamen Erinnerungen. Den Menschen in den  mittel- und osteuropäischen Staaten, die 40 Jahre lang, beherrscht von der sowjetischen Vormacht und beeinflusst von der kommunistischen Diktatur, hinter dem Eisernen Vorhang  leben mussten, haben eine andere Ansichten über das  20. Jahrhundert als diejenigen, die  im Westen und Süden Demokratie und Wohlstand genießen konnten.

Die Vertreibung der Juden aus Deutschland  und der Holocaust war ein deutsches Verbrechen mit europäischen Verstrickungen und einzigartig in seiner Absicht und Fürchterlichkeit. Dennoch muss es die Erinnerung an Naziterror und Shoah ertragen, dass zur Erinnerungskultur des wiedervereinigten Europa auch die Opfer  des „Generalplan Ost" der Nazis gehören. Und dass in dieser europäischen Erinnerungskultur auch die Deportationen während  der sowjetisch-kommunistischen Herrschaft in den baltischen Staaten und in Polen ihren eigenen Platz finden wollen.

Und die wiederum  müssen es ertragen, dass auch die Ermordung Tausender Polen in Wolhynien und Galizien durch ukrainische Nationalisten in den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu den europäischen Erinnerungen gehören. Und die vom Franco-Regime in Spanien Ermordeten oder vor ihm Geflüchteten.  Und die  Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten Deutschlands und Europas. Und dass zu dieser europäischen Erinnerung auch die Opfer der kommunistischen Diktatur in Deutschland  gehören - wir sollten sie nicht so schnell vergessen. Bei all dem geht es nicht um Gleichsetzung unvergleichbarer Verbrechen, sondern um den gleichen Respekt vor den Opfern.

Kompliziert, verworren und verwirrend das Gedenken an Flucht und Vertreibung in Europa - aber wer es einfach haben will, verfehlt das europäische an Europa. Denn das alles gehört zur geschichtlichen Wahrheit Europas. Nach ihr müssen wir suchen und sie müssen wir akzeptieren. Dazu gehört Mut. Weil die Völker Europas alle miteinander ihre Geschichte „entlügen" müssen, wie es Altbundespräsident Roman Herzog vor Jahren einmal gefordert hat.

Vertrauen und Versöhnung zwischen den europäischen Völkern können nur wachsen, wenn jedes die Geschichte des anderen akzeptiert. Wir alle müssen unsere jeweilige Geschichte nicht exklusiv, sondern inklusiv zu verstehen. Und in der europäischen Geschichte  und Gegenwart nicht das Trennende, sondern das Gemeinsame suchen. Auch dazu gehört Mut. Auf diesem Weg sind wir seit 1989 ein unerwartet großes Stück vorangekommen. Erkennen wir es gemeinsam an.

Die seit 1994 vertraglich festgelegte Endgültigkeit der deutsch-polnischen Grenze hat neues Denken hervorgebracht hat. Immer mehr Städte in Polen erinnern immer offener an ihre deutsche Vergangenheit. Davon zeugen nicht mehr nur würdig wiedererrichtete Bauten  und feierlich vergebene Ehrenbürgerschaften. Sogar Denkmäler berühmter deutscher Bürger werden wiederaufgestellt. Und Museen bewahren nicht mehr nur polnische Zeugnisse aus den vergangenen 70 Jahren, sondern auch immer häufiger die aus den mehr als 700 Jahren deutscher Siedlungs- und Staatsgeschichte im Osten Europas. Wie die Dependance des westpreußischen Landesmuseums im polnischen Krockow. Oder wie das  im Aufbau befindliche  Heimatmuseum in meiner Geburtsstadt Sprottau mit einer deutschen, einer polnischen und einer europäischen Etage.

Während einer Autofahrt übers Land zu einem meiner Vorträge in Polen, diesmal mit dem einladenden Professor an der Universität in Poznan - das Auto ist ja der moderne Beichtstuhl. Sagt er: „Posen liegt ja eigentlich näher an Berlin als an Warschau ... Hier haben von den Preußen wenigstens ein richtiges Kataster ... Gehen Sie mal nach Ostpolen. Die haben da nichts. Da weiß keiner, was wem gehört. Da geht alles durcheinander und drunter und drüber ..."  - noch vor dreißig Jahren gegenüber einem Deutschen eine völlig undenkbare Feststellung einer Tatsache.

Polen ist dabei, den Selbstbetrug der Nachkriegszeit aufzugeben, dass seine westlichen Landesteile „wiedergewonnene  Gebiete " seien. Es verleugnet die deutsche Vergangenheit seiner westlichen Landesteile nicht mehr. Es hat begonnen, sie als ein Erbe anzunehmen und als ein gemeinsames europäisches Erbe weiterzutragen.

Und auch in Tschechien hat es begonnen, neben dem Gedenken an die Gräuel der deutschen Besatzung auch an die Gräuel der Vertreibung der Sudetendeutschen zu erinnern - wie kürzlich an den Todesmarsch von Brünn. Der Mut zur historischen Wahrheit ist die Grundlage für Verständigung und Versöhnung -  zwischen Polen und Deutschen, auch zwischen Tschechen und Deutschen, aber auch zwischen vielen anderen Völkern in Europa.

Zu dieser historischen Wahrheit trägt das westpreußische Landesmuseum seit 40 Jahren seinen Teil bei  als eine Stätte der Begegnung und der Erinnerung, in der aus dem Trennenden der Geschichte, das Gemeinsame der Zukunft sichtbar wird - der Deutschen, der Polen und aller Europäer. Was ist denn deutsch, was ist denn polnisch, wenn wir auf eine Stadt wie Danzig blicken, auf ein Stadtbild, das von Baumeistern aus Flamen und aus den Niederlanden geprägt ist? Oder wenn wir auf das italienisierende imponierende Posener Rathaus blicken? Und das sind nur ein paar gebaute Beispiele für das Größere und Umfassendere, das ich meine.

Der spanische Philosoph José Ortega y Gasset hat es in seinem Buch „Aufstand der Massen" so beschrieben: „Erstellten wir heute eine Bilanz unseres geistigen Besitzes, unserer Theorien und Normen, Wünsche und Vermutungen, so würde sich zeigen, dass das meiste davon nicht unserem jeweiligen Vaterland, sondern dem gemeinsamen europäischen Fundus entstammt. In uns allen überwiegt der Europäer bei weitem den Deutschen, den Spanier, den Franzosen,  ... [den Polen]. Wenn wir uns vorstellen, wir sollten lediglich mit dem leben, was wir als „Nationale" sind, wenn wir versuchten, etwa den durchschnittlichen Deutschen oder Spanier oder Polen aller Sitten, Gedanken, Gefühle zu entkleiden, die er von anderen Ländern des Kontinents übernommen hat, werden wir bestürzt feststellen, wie unmöglich eine solche Existenz ist; vier Fünftel unseres kulturellen Besitzes ist europäisches Gemeingut."

Es war das Jahr 1929, als er das schrieb. Naziterror und kommunistische Diktatur, Flucht und Vertreibung  haben daran nichts geändert. Es ist heute genau so richtig wie damals. Es gibt in diesem Europa keine deutsche Geschichte, die nicht auch eine europäische ist. Zu dieser europäischen Geschichte gehören auch die 700 Jahre deutscher Siedlungsgeschichte und deutscher Staatsgeschichte im Osten.

Und eben auch die Spuren von deutscher Kultur und Politik in dem, was eine Zeitlang „Westpreußen" hieß - und die Sie hier im westpreußischen Landesmuseum so liebevoll und kenntnisreich bewahren. Aber die Zeugnisse der Hanse von der Schelde bis zur Düna sind nicht so deutsch, dass sie uns in  nationalistische Wallungen versetzen. Die Unterschiede in dem herrlichen Barock der Klöster, Kirchen und profanen Bauten von Würzburg über Prag nach Warschau rechtfertigen kein nationalistisches Besitzdenken. Wie wir mit den Zeugnissen der Vergangenheit heute umgehen - darauf kommt es an. Und dass wir uns mit ihnen als Europäer erkennen und bekennen. Das ist wichtiger als jemals zuvor angesichts der barbarischen Zerstörung jahrtausendealten Kulturguts der Menschheit im Nahen Osten, in dem auch die europäische Kultur ihre Wurzeln hat.

Heute begehen wir zum ersten Mal in Deutschland den Internationalen Flüchtlingstag auch als nationalen Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung. Das ist gut so. Flucht und Vertreibung gehören zu unserer nationalen Identität - wie die Gründe, die zu Flucht und Vertreibung geführt haben. Die individuellen Erinnerungen erlöschen allmählich. Das ist der natürliche Verlauf. An ihre Stelle treten kollektive Erinnerungskulturen. Museen sind Kristallisationskerne der kollektiven Erinnerung - auch dieses westpreußische Landesmuseum.

Der Gegenstand des Gedenkens ist die Erinnerung,  die Vergewisserung unserer Identität als Einzelne wie als Nation. Jedes Volk braucht das, auch unseres. Aber das Ziel der Erinnerung ist nicht Grenzverschiebung und Restitution. Das Ziel ist Respekt und Versöhnung auf der Grundlage des Heutigen. Alle Völker Europas brauchen das - auch unseres.

Zukunft braucht Herkunft", hat der der kürzlich gestorbenen bedeutende deutsche Philosoph Odo Marquard gesagt. Wie wahr. Aber das großartigste Erinnerungsbuch an Fluchten und Vertreibungen - die Bibel - mahnt uns auch:  Wenn wir Europäer darauf beharren, mit rückwärtsgewandtem Kopf in die Zukunft zu gehen, werden wir, wie Lots Weib beim Blick zurück auf Sodom und Gomorrha, zur Salzsäule erstarren.

Der spanische Schriftsteller Jorge Semprun, dessen Lebenswerk eine Anklage gegen die Grausamkeiten von Exil und Deportation war, hielt es für „eine der wirksamsten Möglichkeiten, der Zukunft des vereinten Europa, besser gesagt, des wiedervereinigten Europa, einen Weg zu bahnen, wenn wir unser Gedächtnis, unsere bislang getrennten Erinnerungen miteinander teilen". Das ist schwer, weil wir alle dafür  unsere Vorurteile, unsere Klischees, unsere vermeintlichen Gewissheiten besiegen müssen.

Nein, wir können  die unterschiedlichen Erinnerungen in Europa nicht zu einer gemeinsamen verschmelzen, aber wir  können sie doch durch gemeinsame Projekte transzendieren. Wir können aus unserem Europa mit unseren Erinnerungen, mit unserer wirtschaftlichen Kraft, mit unserer lebendigen Kultur und mit unserem unbeirrbaren Willen zu Freiheit, Recht und Versöhnung ein Beispiel  für die Welt machen.

Fünfhundert Jahre lang sind wir Europäer in die Welt hinausgegangen, mit unseren Waren und Waffen, mit unseren Ideen und Ideologien. Jetzt kommt die Welt zu uns zurück, mit ihren Konflikten und Kriegen und mit ihren Menschen. Sie flüchten vor Krieg und Terror, werden vertrieben durch Armut und Hunger aus Syrien, aus Eritrea, aus Afghanistan, aus Nord und Zentralafrika. Mehr als eine Million sind in den vergangenen zwei Jahren nach Europa gekommen. Wir werden sie nicht durch das Meer und nicht durch Mauern aufhalten. Wir können sie nicht mit Stacheldraht und Paragraphen einzäunen. Wir werden nicht allen helfen können, das ist klar. Aber das ist kein Grund, keinem zu helfen.

Ganz Europa wird zu einem Einwanderungskontinent werden - wie er das seit Tausenden von Jahren immer wieder gewesen ist. Deshalb muss Europa eine gemeinsame Einwanderungspolitik finden. Wir müssen gemeinsame Regeln und Gesetze schaffen, die der Migration das Desaströse und der Hilfe das Ungerechte nehmen. Daran wird die Geschichte uns messen - nicht als Briten oder Franzosen, nicht als Deutsche oder Polen, sondern als Europäer, die doch die Idee der Menschenrechte geboren haben.

Angesichts der Zahl der Flüchtlinge, die nach Europa kommen und hier nach den Asylgesetzen hier bleiben dürfen,  ist die Behauptung, Europa schotte sich ab, unsinnig und falsch. Ebenso unsinnig und falsch ist die Behauptung, das Boot sei voll. Aber geradezu widersinnig ist es, wenn wir Menschen aus Balkan-Staaten, die schon als Kandidaten für einen Beitritt zur  Europäischen Union anerkannt sind, immer noch den Status von Verfolgten einräumen. Damit müssen wir Schluss machen - gerade auch um diejenigen aufnehmen zu können, die vor Krieg und Terror flüchten müssen.

Seien wir übrigens vorsichtig mit einem abschätzigen Umgang mit dem Wort „Wirtschaftsflüchtlinge". Anfang des 20. Jahrhunderts zogen aus dem südlichen Polen und auch aus dem damaligen Westpreußen Tausende der armen Landbevölkerung nach Westen ins Ruhrgebiet auf der Suche nach Arbeit. Heute müsste man sie als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen.

Wenn es heißt, Deutschland nehme so viel Flüchtlinge auf wie kein anderes Land in Europa, stimmt das - und meint doch häufig auch: „Nun reicht es erstmal, jetzt sind die anderen dran". Und wenn von diesen anderen dann manche darauf verweisen, dass sie - pro Kopf - deutlich mehr aufnehmen als Deutschland, meinen sie damit auch, dass unser Land mehr tun  müsste und könnte als das ihre. Das eine wie das andere ist statistisch richtig. Und doch ist diese statistikhuberische Debatte beschämend. Denn es geht nicht nur die Zahl, es geht auch darum, wie wir mit den Menschen umgehen.

Wo wir, die  Flüchtlinge und Vertriebenen von 1945/46,  ankamen, war Deutschland. Die Einheimischen nahmen uns in ihren Häusern und Wohnungen auf.  Das ging nicht ohne „Einquartierungen", nicht ohne administrativen Zwang also. Die „Willkommenskultur" wie wir das heute nennen würden, war damals keineswegs flächendeckend verbreitet. Aber wir kamen in der gleichen Kultur an, in der gleichen Sprache, wenn es auch Zeit brauchte, bis wir „zuhause" waren.

Die Flüchtenden heute kommen in ein Land,  dessen ganze Kultur, Sprache, Geschichte, Traditionen, Lebensweisen ihnen viel fremder, undurchschaubarer und abweisender vorkommen müssen als es meinen schlesischen Eltern 1945 im deutschen Flensburg erschien. Dort, im südlichen Schleswig lebten damals Deutsche und Dänen miteinander und durcheinander wie im Vorkriegs-Westpreußen Deutsche und Polen miteinander und durcheinander gelebt haben.

Meine Eltern mussten damals ihr Leben fast von Null an neu aufbauen. Aber konnten anfangen, sie durften arbeiten, sie bekamen eine neue Perspektive. Das ist es, was auch die vielen Tausend brauchen, die heute in unser Land kommen, die heute Aufnahme in Deutschland suchen: Schnelle erste Hilfe und eine neue Perspektive: Asyl oder Einwanderung, Heimkehr oder Bleiben.

Dafür  muss als erstes die Blockade aufgehoben werden, die ihrer raschen Eingliederung in Schule und Beruf entgegensteht. Den Flüchtlingen eine würdige Aufnahme zu gewährleisten und ihnen schneller als bisher den Zugang zum Arbeitsmarkt zu öffnen - das nenne ich einen würdigen Umgang mit unseren eigenen Erinnerungen an Flucht und Vertreibung. Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauer und die anderen Windmühlen." Wir müssen Windmühlen bauen.

Dieses Europa, dessen Frieden und Wohlstand wir manchmal so gering schätzen, ist doch  für Millionen Menschen in der Welt ein Kontinent der Hoffnungen. Ich wünsche mir kein anderes Europa. Aus dem Umgang mit unseren eigenen  Erinnerungen, in unserem Gedenken an Flucht und Vertreibung, wissen wir, dass, damals wie heute, immer und überall, wo Menschen vertrieben werden oder flüchten müssen, Menschenrechte missachtet und verraten werden. Diesem Verrat, dieser Missachtung müssen wir alle widerstehen, heute und immer, in Deutschland und überall in Europa.

Ich wünsche dem Landesmuseum Westpreußen eine gute Zukunft und dass es im Gedenken an Flucht und Vertreibung ein Beispiel für Europa sei.

Warendorf, 20. Juni 2016.

Der Vortrag ist unter demTitel "Pamiec O Ucieczkach I Wypedzeniach W Zjednoczonej Europie" auch in polnischer Sprache bei der "Kulturstiftung Westpreußen" erschienen.

.