| Schlesier durch Geburt (1938) und Elternhaus, Flensburger durch Schule und Wehrdienst (1945-1960), Berliner durch Studium (1962-1968), Pariser aus Neigung (1961 und 1965), Rheinländer durch Beruf (seit 1969), deutscher Europäer aus Überzeugung und mit Mandat - das ist Klaus Hänsch, Abgeordneter im Europäischen Parlament von 1979 bis 2009.
Nach Studium und Promotion war er zunächst Redakteur einer Zeitschrift für übernationale Zusammenarbeit, dann Referent beim Beauftragten der Bundesrepublik Deutschland für die kulturellen Angelegenheiten im Rahmen des deutsch-französischen Vertrages, dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Heinz Kühn, danach Pressesprecher des nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministers Johannes Rau. Viele Jahre nahm er an der Universität Duisburg einen Lehrauftrag wahr. Europaabgeordneter ist er seit der ersten Wahl des Europäischen Parlaments 1979. Die Außen- und Sicherheitspolitik (viele Jahre als Sprecher seiner Fraktion) und die institutionelle Weiterentwicklung der Europäischen Gemeinschaft wurden sein Arbeitsfeld. Zehn Jahre lang (1989-1994 und 1997-2002) war er stellvertretender Vorsitzender der SPE-Fraktion. Klaus Hänsch war bei der Europawahl 1994 und 1999 Spitzenkandidat der SPD.
Im Juli 1994 wurde Klaus Hänsch zum Präsidenten des Europäischen Parlaments gewählt. Als er, wie es dort üblich ist, das Amt nach zweieinhalb Jahren (Anfang 1997) wieder abgab, hatte er eine glänzende Bilanz vorzuweisen, nicht nur nach dem Urteil von Parteifreunden. Mit hartnäckiger Überzeugungsarbeit hat er das Parlament gegen vielfältige Widerstände zu dringend notwendigen Reformen getrieben: Größere Nähe zu den Medien, weniger Aufwand bei Reisen, Straffung der Entscheidungsabläufe und stärkere Konzentration der parlamentarischen Arbeit auf die Mitentscheidungsrechte in der Gesetzgebung der Union. Denn: "Nicht durch Jammern und Klagen über fehlende Rechte wird das Europäische Parlament gestärkt, sondern indem es seine bestehenden Rechte bis in den letzten Winkel nutzt."
Eine der großen Stunden des Parlaments, die öffentlichen Anhörungen der designierten EG-Kommissare, bevor das Parlament einer neuen Kommission das Vertrauen ausspricht, wurden im Januar 1995 von ihm konzipiert und durchgesetzt. Sie stehen nicht in den EU-Verträgen. Es gibt kein Vorbild in einem nationalen Parlament in Europa. Nach dem Geschmack der Regierungen war es schon gar nicht. Aber er wollte, daß das Europäische Parlament Maßstäbe setzt und die EU-Verträge durch Praxis fortentwickelt. Hinter den damals gesetzten Stand ist bisher niemand zurückgefallen. Das Ergebnis war ein sprunghafter Anstieg der Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit für das, was das Parlament zu sagen hat. Sein Ansehen bei den anderen Institutionen der Union wuchs. Zu Beginn der Sitzungen des Europäischen Rates trug er nicht mehr nur den Standpunkt des Europäischen Parlaments vor, sondern die Staats- und Regierungschefs akzeptierten ihn als Gesprächspartner.
"Ich will ein Präsident in der Union sein", hatte er zu Beginn seiner Präsidentschaft angekündigt und das machte er wahr. Über vierzig Reisen führten ihn, häufig mehrere Tage, in die Regionen der Europäischen Union. Dort zeigte er, daß er nicht nur den Umgang mit Staats- und Regierungschefs beherrscht, sondern Europa auch "unters Volk" bringen kann.
In Brüssel, Straßburg und Berlin agiert er häufig etwas distanziert, abgewogen, ausgleichend. Wer ihn bei den Sozialdemokraten seines "Wahlkreises" in Düsseldorf, Duisburg, Essen, Krefeld, Kreis Kleve, Kreis Mettmann, Mönchengladbach, Mülheim an der Ruhr, Kreis Neuss, Oberhausen, Remscheid, Solingen, Viersen, Wuppertal oder Kreis Wesel erlebt, lernt einen ganz anderen Politiker kennen. Da greift er schon mal zum schweren Säbel. Daß ihm vor vielen Jahren nach einer Belegschaftsversammlung ein alter Betriebsrat attestierte: "Klaus, Du sprichst die klare Sprache der Arbeiter", trägt er heute noch wie einen Orden. Als 1988 die Schließung des Kruppstahlwerkes Duisburg-Rheinhausen anstand, ließen die 3000 aufgebrachten und deprimierten Stahlarbeiter auf ihrer letzten Betriebsversammlung ihn als einzigen Politiker reden.
Das Arbeitspensum, das er sich und seinen Mitarbeitern zumutet, ist ebenso gefürchtet wie sein Gedächtnis - durchaus auch mal für Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten. Mit der deutschen Sprache verbindet ihn ein besonderes Liebesverhältnis. Um das treffendste Wort kann er lange ringen. Wenn er bei Laune ist, rezitiert er Gedichte: So auf einer Pressekonferenz vor einer Tagung des Europäischen Rats aus dem Stand das ganze Parzenlied aus Goethes Iphigenie, in dem schon, leicht verfremdet, das Gipfelgeschehen definitiv beschrieben ist: "... auf Gipfeln und Wolken sind Stühle bereitet um goldene Tische ...". In einem Interview um ein Wort zum Ende seiner Amtszeit als Parlamentspräsident gebeten, beschied er den Fragesteller mit Schillers Wallenstein: "Neu'Regiment bringt neue Menschen auf, und früheres Verdienst veraltet schnell."
Im Januar 2002 entsandte ihn das Europäische Parlament in das Präsidium des "Konvents zur Zukunft Europas". Er arbeitet unter der Leitung des früheren französischen Staatspräsidenten Valèry Giscard d'Estaing den Entwurf einer Verfassung für die Europäische Union aus. Unter den zwölf Männern und Frauen, die den Text des Entwurfs für die europäischen Verfassung geschrieben haben, war er der einzige Deutsche. Eine weitere bedeutende Station und eine besondere Verantwortung in seinem politischen Leben. 2003/4 vertrat er das Europäische Parlament in der Regierungskonferenz, die den Verfassungsvertrag beriet und beschloß.
Klaus Hänsch gehört zu der Generation deutscher Politiker, für die der Krieg zwischen europäischen Nationen nicht bloß gelernte Geschichte, sondern noch Kindheitserinnerung ist. Er möchte durch die Einigung Europas daran mitwirken, daß sich diese Vergangenheit - die übrigens für ihn nicht nur eine deutsche ist - nicht wiederholt. Aber: "Europa wird mir häufig zu viel mit Vergangenheit und zu wenig mit Zukunft begründet," sagt er, und: "Wir brauchen die Union zwar immer noch, um die Schatten des 20. Jahrhunderts zu bannen, aber noch mehr brauchen wir sie, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu begegnen."
Im Juni 2000 verlieh ihm seine Geburtsstadt, das heute polnische Szprotawa, die Ehrenbürgerschaft. Die Ehrenurkunde erhielt er bei einem europäischen Festakt zum Gedenken an die Begegnung des deutschen Kaisers Otto III. mit dem polnischen König Boleslaw Chroby bei Sprottau vor tausend Jahren.
Durch sein Ansehen als Abgeordneter und als ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments sind Klaus Hänsch eine Reihe von deutschen und internationalen Ehrenämtern angetragen worden. Im Vorfeld der Entscheidung über einen Ausbau des Frankfurter Flughafens berief ihn die hessische Landesregierung 1998 zum Vorsitzenden der Mediationsgruppe, die zwischen den Interessen von Politik, Wirtschaft, Flughafen, Verbänden und Bevölkerung eine gemeinsame Plattform finden sollte. Diese Aufgabe wurde Anfang 2000 abgeschlossen. Klaus Hänsch ist Mitglied des Verwaltungsrats der Ecole Nationale d'Administration (ENA) und Mitglied des Wissenschaftlichen Direktoriums des Instituts für Europäische Politik in Berlin.
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